Gekaufte Blogger

Kann man Meinungen in Foren und Blogs vertrauen?

22.04.2009, Originalbeitrag von Malalai Bindemann

Gekaufte Blogger 

Unternehmen verändern gezielt das Meinungsbild, das im Internet über sie generiert wird.
Vor vielen Kaufentscheidungen informieren sich Kunden heutzutage im Internet über die zur Wahl stehenden Produkte. In Foren und auf Portalen wimmelt es dann vor Erfahrungsberichten und Empfehlungen vermeintlich unabhängiger Verbraucher.

Nicht selten steckt dahinter jedoch Werbung, auf den ersten Blick als solche für den Kunden nicht erkennbar. Unter den Foren und Blogs zu Versicherungen zum Beispiel handelt es sich bei 95 Prozent um solche mehr oder weniger gut getarnte Werbung, wie die Kölner Monitoring-Agentur infospeed herausgefunden hat. Die Firma untersucht im Auftrag verschiedenster Unternehmen Social Networks, Foren und Blogs und analysiert das Online-Meinungsbild zu den Produkten der Auftraggeber.

Viele Blogger versuchten zu manipulieren anstatt neutrale Berichte und Qualitätsurteile zu verbreiten, berichtet Prof. Dr. Matthias Fank, Informationswissenschaftler an der Technischen Hochschule Köln. Er führte für die Agentur infospeed eine Studie durch, die sich mit dem Verhalten von Foren- und Blogbetreibern beschäftigt. Demnach stellen nicht nur Blogs und Foren, die entgegen dem Anschein nicht unabhängig sind, das Problem dar, sondern auch Nutzer, die von Unternehmen dafür bezahlt werden, positive Kommentare zu deren Produkten in Blogs, Foren und sozialen Netzwerken zu posten. So berichtete ein Student der Informatik anonym davon, 500 Euro im Monat für die Verbreitung positiver Berichte über Produkte einer Softwarefirma zu erhalten. Damit, so meint er, habe er höchstwahrscheinlich manche Kaufentscheidung beeinflusst.

Das Problem macht auch vor den Riesen des Online-Handels nicht halt. Das Versandhaus Amazon verzeichnete Ende Januar mehr als hundert Bewertungen mit der Note "Sehr Gut" zu neu erschienenen Büchern. Dahinter steckte ein einziger Nutzer. Ob dieser alle Werke in kürzester Zeit las und alle ehrlich für hervorragend befand, bleibt zu bezweifeln.

Auch die offene Struktur von Wikipedia bietet reichlich Gelegenheit für Verfälschungen durch Lobbyisten und Interessengruppen. Nach einer Studie der NGO Lobby Control sind viele Seiten, insbesondere zu brisanten Themen wie Kernenergie, Klimaschutz und Gentechnik, manipuliert.
Angesichts von mehr als einer Milliarde Menschen, die jeden Tag Online sind, ist das Nutzenpotenzial, das sich aus einer gelenkten Kommunikation im Netz ergibt, immens. Allein in Deutschland, so infospeed, bewegen sich 50 Millionen Nutzer im Internet, gibt es 300.000 Blogbetreiber.

Laut Professor Matthias Fank von der FH Köln leistet das Internet für 96 Prozent aller Haushalte in Deutschland eine Entscheidungshilfe bei der Produktwahl. Aus welcher Feder Urteile und Erfahrungsberichte kommen, durch die sie sich beeinflussen lassen, ist den meisten dabei kaum bekannt. Die gekauften Blogger indes posten nicht nur Positives im Auftrag ihrer Geldgeber, sie beurteilen auch Konkurrenz-Produkte gezielt negativ. Dies kann unter Umständen noch effektiver sein, so J. Krömer von der Firma infospeed. Für Matthias Fank kommt es für Unternehmen in erster Linie darauf an, einen strategisch klugen Umgang mit Kundenmeinungen im Internet zu pflegen.

 

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